Bundesliga

Hofmann: "Es war wie im Rausch"

Unser fast perfektes Jahr: kicker-Serie - Teil 4

Hofmann: "Es war wie im Rausch"

Die Meisterschale fest in der Hand: Jonas Hofmann.

Die Meisterschale fest in der Hand: Jonas Hofmann. IMAGO/Jan Huebner

Für mich persönlich war mein erstes Jahr in Leverkusen ein ganz besonderes. Meinen Start hier hätte ich mir gar nicht besser ausmalen können. Ich habe direkt von Beginn an gespielt, habe Tore geschossen und vorbereitet. Es war wie im Rausch.

Aber ich bin ein sehr ehrgeiziger, vielleicht sogar überehrgeiziger Typ. Als ich in den ersten neun Spielen immer mindestens an einem Tor beteiligt war und nach zwölf Spielen in der Bundesliga zwölf Scorerpunkte hatte, habe ich das nur als meinen Job empfunden, den ich entsprechend gemacht hatte.

Für mich ging es einzig darum, das im nächsten Spiel wieder zu bestätigen. Manchmal war ich sogar sauer auf mich selbst, wenn ich nur einen Scorerpunkt gesammelt hatte, weil ich ja die Chance auf zwei oder drei hatte. Das hört sich hart an, hat mich aber auch dahin gebracht, wo ich heute bin.

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Nach acht Jahren bei der Borussia war es für mich echt eine Umstellung, nicht mehr von Düsseldorf aus auf die Autobahn nach Mönchengladbach zu fahren, sondern einen anderen Weg zu wählen. Zum Glück musste ich nicht umziehen, kein neues Umfeld kennenlernen. Das ist mir sicher zugutegekommen.

Die Eingliederung war einfach, weil ich Granit (Xhaka, d. Red.) schon aus seiner Zeit in Gladbach kannte. Ich bin richtig gut reingekommen, habe mich von Anfang an wohlgefühlt, hatte im Staff mit den Athletiktrainern Markus Müller und Jonas Rath ein paar Jungs, die vorher auch in Gladbach waren. Ich konnte mich also direkt auf Fußball konzentrieren.

Cool und beeindruckend

Er machte eine Entwicklungssprung: Jonas Hofmann.

Er machte eine Entwicklungssprung: Jonas Hofmann. IMAGO/Eibner

Und auf dem Platz ging es einfach darum, so schnell wie möglich zu verinnerlichen, was Xabi möchte. Ich bin oft vom Training heimgefahren und habe meiner Frau oder Freunden erzählt, dass ich das Gefühl hätte, ich entwickle mich gerade weiter, ich habe heute wieder etwas dazugelernt. Ich fand es cool und beeindruckend, zu merken, dass man selbst in nicht mehr ganz so jungen Jahren als Spieler noch solche Schritte machen kann.

Das hat mir noch mal zusätzlich gezeigt, dass ich mit meiner Entscheidung für Leverkusen alles richtig gemacht hatte. Es gibt zwar immer noch viele, die meinen, es hätte einen größeren Wert gehabt, in Gladbach zu einer absoluten Legende zu werden. Aber jedem, der wie ich tagtäglich trainiert, der alles investiert und sein komplettes Privatleben danach ausrichtet, um erfolgreich zu sein, dem ist klar, dass es das Nonplusultra ist, Trophäen in die Höhe zu strecken.

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Als wir dann schon am 2. Spieltag in Gladbach gespielt haben, herrschte bei mir zum einen die Vorfreude aufs Wiedersehen, zum anderen war die Anspannung aber auch besonders. Xabi hat mich einen Tag vorher auch noch mal zu sich geholt, weil er wusste, dass das für mich auch ein emotionaler Moment sein würde. Die Verabschiedung vor dem Spiel war aufgrund all der Dinge, die vorher erzählt wurden, negativ aufgeladen, die Haltung im Stadion war mir gegenüber angespannt.

Gladbach-Abschied? "Ich fand es schade"

Ich fand es schade, echt schade. Weil ich eine lange Zeit in Gladbach war. Da wünscht man sich natürlich einen anderen Abschied. Wenn man das mit anderen Spielern vergleicht, die auch gegangen sind, denen nichts nachgetragen wurde - aber ich sollte der Einzige sein, der sich falsch verhalten hat?

Ich habe später nur angemerkt: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Weil manche Leute oft nur glauben, was sie glauben wollen. Doch es war eben falsch, was da an Gerüchten verbreitet wurde. Dass ich der Borussia schon zugesagt und das wieder zurückgenommen hätte. Das war alles nicht wahr. Deswegen ist es schade, dass offensichtlich noch immer Leute enttäuscht von mir sind, obwohl ich acht Jahre lang alles für den Verein gegeben habe. Genugtuung verspüre ich jetzt nach dem Double mit Leverkusen trotzdem nicht. Ich freue mich einfach für mich und für alle, die das jetzt hier erreicht haben.

Aber dann kamen die Wochen, in denen wir angefangen haben, mehr zu rotieren.

Jonas Hofmann

Für mich persönlich ist es bis Weihnachten überragend gelaufen, und zu Beginn des neuen Jahres ist es auch noch gut weitergegangen, aber dann kamen die Wochen, in denen wir angefangen haben, im Vergleich zur Hinrunde mehr zu rotieren - und ich war nicht mehr immer von Anfang an dabei . Wobei ich auch sagen muss: Ich habe trotzdem viel gespielt. Wenn nicht von Beginn an, dann bin ich immer noch reingekommen. Da kann ich mich nicht beschweren.

Kann das sein?

Allerdings habe ich in dieser Phase keine Scorerpunkte mehr gesammelt. Wenn man zwei, drei, vier Wochen lang nicht an einem Tor beteiligt ist, da sagt man sich noch: Ist halt gerade so. Als es dann aber länger gedauert hat, habe ich mich schon gefragt: An irgendetwas muss es ja liegen?! Das kann doch nicht sein!

Doch in so einer Phase ist es wichtig, sich nicht noch mehr Druck zu machen. Bei uns haben so viele Spieler, auch die Verteidiger, viele Scorerpunkte gesammelt. Es hat sich durch die ganze Saison gezogen, dass mal der eine, mal der andere seine Hochphasen hatte und getroffen hat. Wobei man ja auch Superspiele machen kann, in denen man nicht an einem Tor beteiligt ist. Wenn man dann die eine Aktion hat, die dazu führt, dass etwas in die Wege geleitet wird. Ich habe nicht versucht, irgendwelche besonderen Dinge zu machen. Ich habe einfach drauflos gespielt. Mit 31 Jahren bin ich da auch etwas entspannter. In jungen Jahren hätte ich mir wohl mehr Gedanken gemacht.

Als ich aber im April im Viertelfinale der Europa League gegen West Ham als Joker erst das 1:0 selbst geschossen und auch noch das 2:0 vorbereitet habe, war ich schon sehr erleichtert. Zumal es auch ein sehr bedeutsames Spiel war, in dem es eminent wichtig war, mit einem guten Ergebnis nach London zum Rückspiel zu fliegen. Das hat mich noch mal extrem gepusht.

"Man muss es akzeptieren": Hofmann schafft es nicht in den deutschen EM-Kader, fährt stattdessen in den Sommerurlaub.

"Man muss es akzeptieren": Hofmann schafft es nicht in den deutschen EM-Kader, fährt stattdessen in den Sommerurlaub. IMAGO/Sven Simon

EM-Enttäuschung

Für einen Platz im deutschen Kader für die bald startende Europameisterschaft hat es trotzdem leider nicht mehr gereicht. Julian Nagelsmann hat ja von dem Momentum gesprochen, das für ihn bei der Nominierung eine große Rolle gespielt habe. Er hat mir dann auch gesagt, dass andere eben auch ein paar mehr Scorerpunkte auf ihrer Liste haben. Ob es dann endgültig nur dieser Punkt war, weshalb ich nicht für die EURO nominiert wurde, weiß ich nicht. Aber es hat sicher mit reingespielt. Julian war das einfach wichtig.

Natürlich war ich da enttäuscht. Eine EURO im eigenen Land ist eben etwas ganz Besonderes. Da wäre ich gerne dabei gewesen, aber wenn der Trainer so entscheidet, muss man es akzeptieren, irgendwann den Schalter umlegen und sich auf eine lange Sommerpause freuen. Zum Glück bin ich jemand, der Dinge relativ schnell akzeptiert und wieder nach vorne schaut. Nach dem Double mit Bayer fahre ich also sehr fröhlich in meinen Urlaub. Schließlich war das doch neben dem verlorenen Europa-League-Finale die einzige Enttäuschung in einem ansonsten perfekten Jahr.

Jonas Hofmann